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Als Uwe Seeler noch in Baumwollhemden seine Tore schoss

Ein Nostalgiker reproduziert Originaltrikots aus der glorreichen HSV-Vergangenheit - Verkauf auch in den drei Fan-Shops


von Daniel Meuren

Was waren das noch für hautverträgliche Zeiten, als Uwe Seeler seine Tore schoss. "Uns Uwe" ging nämlich noch im Baumwolltrikot auf Torjagd. Auch als Georg Volkert und Felix Magath den Rothemden 1977 den ersten Europapokalsieg bescherten, triefte noch Naturwolle vor Schweiß. Wenn der HSV nun in der kommenden Saison - mittlerweile selbstverständlich in moderne Kunstfaser gehüllt - wieder einen Anlauf nimmt, seine glorreiche Vergangenheit einzuholen, dann wird so mancher HSV-Fan im originalgetreuen Gewand der Helden-Ära bei der Vergangenheitsbewältigung mitfiebern. Die drei HSV-Fan-Shops verkaufen nämlich seit kurzem Nostalgietrikots, die dem Anhänger das Gefühl von internationalem Spitzen-Fußball vermitteln.

Die ruhmreiche Vergangenheit des HSV erwacht im hessischen Rüsselsheim zum textilen Leben. Der 35 Jahre alte Michael Hamann bastelt nebenberuflich im Keller seines Wohnhauses originalgetreu Hemden aus der guten alten Zeit des Fußballs zusammen. Hamann reproduziert Trikots aus der Ära des Baumwollhemds, das bis zur Entwicklung der Polyester-Trikots in den siebziger Jahren als Uniform für Fußballmannschaften diente. "Ich beschränke mich auf Baumwollhemden, weil die Fußballwelt noch in Ordnung war, als ein Uwe Seeler und all die anderen Helden der Vergangenheit ihre Tore schossen", sagt Hamann.

Für Nostalgiker fertigt der Hüter der Fußballgeschichte deshalb auf Wunsch jedes einzelne Hemd aus jedem erdenklichen Jahr detailgenau. Bei der Recherche helfen ihm hunderte Fußball-Jahrbücher, die sich in seinen Kellerräumen stapeln. Deshalb kann Hamann nicht nur Klassiker wie das deutsche Nationaltrikot mit Schnürverschluss, in dem Fritz Walter 1954 seine Elf zum WM-Sieg führte, herstellen. "Wenn jemand ein Hemd seines Lieblingsvereins aus seinem Geburtsjahr haben will, dann kriege ich das in der Regel hin, wenn ich ein Foto finde", sagt Hamann. Sechs bis acht Wochen könne die Herstellung eines solch exklusiven Trikots allerdings dauern. Den Bestseller gibt es viel schneller: Das DDR- Trikot mit der Rückennummer 14, das Jürgen Sparwasser beim 1:-Siegtreffer gegen die Bundesrepublik bei der Weltmeisterschaft 1974 im Hamburger Volksparkstadion trug. Der unterlegene spätere Weltmeister trug übrigens das erste Polyesterhemd aus dem Hause Adidas.

Viele Hemden darf Hamann allerdings wegen Schwierigkeiten mit den Rechten an den Vereinsemblemen und Vereinsnamen über seine Homepage http://www.nostalgie-trikots.de/ nur an Fan-Clubs verkaufen. Diese haben meist Sondervereinbarungen mit ihren Lieblingsvereinen, die ihnen genehmigen, die Vereinssymbole zu verwenden.

Nur wenige Vereine wie Borussia Dortmund, Eintracht Frankfurt, der FC St. Pauli und nun auch der HSV bieten Hamanns Hemden mit dem großen Liebhaberfaktor offiziell in ihren Fan- Shops an. "Wir sehen das als eine Erfolg versprechende Nische in unserem Sortiment an", sagt Georg Grove, Leiter der Merchandising-Abteilung des HSV, "der Retro-Look ist in, wie wir auch bei unserer Kollektion "Since 1887' feststellen."

Zudem trage der HSV freilich der Sehnsucht seiner Fans nach den Erfolgen vergangener Jahrzehnte Rechnung. "Wenn wir schon seit 1987 auf einen Titel warten, dann sollen die Fans wenigstens die Trikots aus der erfolgreichen Zeit tragen können", sagt Grove mit einem guten Schuss Selbstironie.

Zum Preis von 49,95 Euro - die aktuellen Polyestertrikots kosten übrigens 64,95 Euro - können die Fans im Fan-Shop das Europacup-Hemd von 1977 und das legendäre 74er-Hemd mit Campari-Aufdruck erwerben. Zudem können sie das Trikot überstreifen, in dem Uwe Seeler und Charly Dörfel 1960 den Deutschen Meistertitel errangen. Genau diese beiden Alt-Stars will Merchandising-Leiter Georg Grove übrigens nach Möglichkeit zu Werbezwecken in Naturfaser einkleiden.

Die HSV-Ikonen werden dann nach den Worten des Herstellers keinen Unterschied zu dem Hemd aus ihrer aktiven Zeit feststellen. Denn wenngleich Hamann mit seinen rund 800 pro Jahr hergestellten Trikots mittlerweile ein paar Euro neben seinem eigentlichen Beruf als Modellentwickler verdient, so bewegen den Fußball- Idealisten noch immer Liebhabergefühle zu seinem Dienst an der Fußballvergangenheit. "Ich möchte mit meinen Trikots dazu beitragen, dass die guten alten Zeiten in den Trikots von damals möglichst originalgetreu in Erinnerung bleiben."

Damit unterscheidet sich Hamann von seinen Konkurrenten, die im Internet qualitativ schlechte T-Shirts verkaufen, die zudem lediglich dem Stil der siebziger Jahre, nicht aber dem Original entsprechen. So stimmen meist weder die Farben, noch das Muster oder das Vereinsemblem mit dem Original überein. Diese feinen Unterschiede zwischen Hamanns Hemden und den Erzeugnissen seiner Konkurrenten waren für HSV- Merchandiser Grove ausschlaggebend, sich für die Hemden aus Rüsselsheim und gegen billigere Anbieter zu entscheiden. "Hamann stellt einfach die besten Nostalgietrikots her", sagt Grove.

Ein Hemd vom größten Tag in der Geschichte des HSV wird freilich auf keinen Fall aus Hamanns Produktion auf den Ladentisch kommen. Das Trikot, in dem Felix Magath am 25. Mai 1983 in Athen den Siegtreffer im Landesmeisterpokal gegen Juventus Turin erzielte, müsste ein anderer produzieren: "Das ist nichts für mich, weil Magath damals im Polyester-Trikot den Ball in die Maschen drosch", verweigert Hamann den Auftrag.

Artikel erschienen am 9. Jul 2003 © WELT.de 1995 - 2003

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